Elektra. Trümmer. Schreiend.
Was geschieht, wenn Oper nicht mehr erzählt, sondern erinnert? Wenn der Mythos nicht auf der Bühne dargestellt wird, sondern im Körper fortlebt? Richard Strauss‘ Elektra ist kein Historienstück. Sie ist eine offene Wunde.
Ausgehend von einem radikal reduzierten Bühnenraum – Stein, Kreis, Badewanne, Beil – entsteht in Vera Nemirovas Heidenheimer Inszenierung eine Landschaft der Erinnerung: kein Abbild, sondern ein Zustand. Stimmen werden zu Spuren, Körper zu Trägern von Geschichte. Die Bühne wird zum Resonanzraum eines Schmerzes, der nicht vergeht, der sich ablagert – in Stein, in Klang, in uns.
Im Zentrum: Elektra. Nicht als Rächende, sondern als Erinnernde. Nicht als Figur, sondern als Kraft. „Allein! Weh, ganz allein“ – Elektras großer Monolog ist kein Sprechen, sondern ein Aufbrechen. Eine Stimme, die nicht fragt, ob sie gehört wird, sondern die hörbar macht, was nicht verstummen kann: Trauer. Verlust. Die Unmöglichkeit zu vergessen.
Dieses Werkstattgespräch öffnet den Raum hinter der Inszenierung: Wie lässt sich ein Mythos heute erzählen, ohne ihn zu illustrieren? Wie wird Musiktheater zu einem Ort existenzieller Erfahrung? Und was bedeutet es, Elektra als Geschichte der Trauer zu lesen – nicht der Rache?
Ein Abend für alle, die Oper nicht nur sehen, sondern verstehen wollen.
Und für jene, die bereit sind, sich berühren zu lassen von einem Werk, das nachwirkt – weit über den letzten Ton hinaus.
Das Werkstattgespräch mit Vera Nemirova führt Dr. Stefan Plasa (Universität Bonn). Das Gespräch wird mit Szenen aus dem Live-Mitschnitt der Premiere in Heidenheim am 4. Juli 2025 begleitet.
© Alexander Bogdan Thompson
Die Opernregisseurin Vera Nemirova wurde in Bulgarien geboren und ist in Deutschland aufgewachsen. Sie ist Absolventin der Hochschule für Musik Hanns Eisler Berlin, assistierte bei Ruth Berghaus und war Meisterschülerin von Peter Konwitschny. Zu ihren wichtigsten Arbeiten zählt Wagners „Ring des Nibelungen“ an der Oper Frankfurt 2010 bis 2013, wo sie 2007 auch „Tannhäuser“ inszenierte. An der Deutschen Oper Berlin entstanden Inszenierungen von Giacomo Meyerbeers „Vasco da Gama“ und Giacomo Puccinis „La fanciulla del West“, an der Wiener Staatsoper Tschaikowskys „Pique Dame“ und Verdis „Macbeth“ sowie am Theater Basel Inszenierungen von Peter Ruzickas „Hölderlin“, „Un ballo in maschera“ und „Lohengrin“. Weitere Arbeiten waren u.a. „Euryanthe“ und „Otello“, sowie 2021/22 „Don Carlo“ an der Semperoper Dresden, die Uraufführung von Hèctor Parras „Das geopferte Leben“ am Theater Freiburg, „Lulu“ bei den Salzburger Festspielen, „Le nozze di Figaro“ an der Lettischen Nationaloper Riga, „Otello“ beim George Enescu Festival Bukarest, „L‘elisir d’amore“ an der Nationaloper Sofia sowie „Fidelio“ am Nationaltheater Prag. An der Korea National Opera übernahm sie die Regie für Gioachino Rossinis „Guillaume Tell“. Am Staatstheater Nürnberg realisierte sie u.a. Bizets „Carmen“, und Mozarts „Don Giovanni“.
Vera Nemirova war Gastprofessorin an der Hochschule für Musik Hanns Eisler Berlin und Gastdozentin der Wiener Universität und ist regelmäßig Gast-Dozentin an der Universität der Künste Berlin sowie der Universität Bonn. Ihre Inszenierungen führten sie unter anderem an die Oper Bonn, an das Staatstheater Mainz, dem Volkstheater Rostock, dem Theater Bremen, Theater Sankt Gallen, ans Luzerner Theater, an das Badische Staatstheater Karlsruhe, zu den Osterfestspielen Salzburg. Bei den Opernfestspielen Heidenheim inszenierte sie im Sommer 2025 den Doppelabend „Gianni Schicchi“ / „Elektra“ von Giacomo Puccini und Richard Strauss. Sie ist Trägerin des RING-Award in Graz.